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In Ulla Wobst haben wir eine Künstlerin vor uns, deren Ausdrucksvermögen ganz wesentlich von ihren literarischen und intellektuellen Wurzeln geprägt ist, dabei aber immer in den Tiefen ihrer Gefühlswelt und Phantasie gründet…

Bei allem Geheimnisvollen und Irrealen, das die Bilder ausstrahlen, ist es doch wichtig, sich klarzumachen, dass sie keine Traumwelt darstellen wollen, sondern die innere Wirklichkeit der Künstlerin…

Mittelpunkt ihrer Bilder sind der Mensch und seine Urthemen, die sie zu folgenden Gegensatzpaaren zusammenfügt: Leben und Tod, Liebe und Tod, Freude und Trauer, Einengung und Befreiung, Fremdheit und Vertrautheit…
Das Sujet "Leben und Tod" tritt wohl am offensichtlichsten in den Bildvarianten "Ende der Wüstenzeit" zutage, wo die befruchtete Eizelle -Symbol des Lebens schlechthin- auf die Ödnis der Wüste als Symbol von dessen Ende trifft und darüber triumphiert.
Das Zusammenspiel von Liebe und Tod begegnet uns beispielsweise in "Wespengespräch" oder "Mitwisserin", dasjenige von Freude und Trauer in "Venezianischer Walzer" und "Besuch bei Undine". Die Bilder "Wunsch" oder "Grenzgänger" mögen exemplarisch für das Sujet "Einengung und Befreiung" stehen…

Der thematischen Beschäftigung mit Geheimnis, Träumen und Unterbewusstsein entspricht eine stilistische Nähe zum Surrealismus, insbesondere zu Dali ("Ende der Wüstenzeit", "Wunsch") und Magritte ("Jagdruf", "Mitwisserin"), aber auch zur Pittura Metafisica. Gerade in dem Bildzyklus "In einer schönen Stadt" wird der Einfluss De Chiricos deutlich. Es finden sich die leergefegten, perspektivisch angelegten Plätze, die statuarischen Figuren, die geheimnisvoll hereinschneidenden Schatten, sogar das Motiv des Zifferblatts. Doch während De Chiricos beklemmende Räume vom entmenschlichten und ewigen Nichts künden, bleibt bei Wobst stets der Mensch mit all seinen Empfindungen präsent. Er blickt uns an durch die Augen Kaiserin Theodoras oder eines antiken Statuenfragments…

…Ganz klar macht sich auch stilistisch die Affinität der Künstlerin zum Theater bemerkbar, bei manchen Bildern assoziiert man unwillkürlich Bühnenszenen, Kostüme, Deklamationen. Die Vorliebe für szenische Darstellungen findet sich fast überall, sei es in "Wespengespräch", "Mitwisserin" oder in Bildern wie "Kurze Begegnung" und "Dernier Cri", in welchen das Pathos der Gebärde eine zentrale Rolle spielt. Bei dem Bild "Bitterer Buchsbaum" glaubt man, die perspektivische Darstellung einer Bühne vor sich zu haben, auf der die Figuren wie in einem Theaterstück agieren…
Die Themen, die die Künstlerin wählt, verdanken sich vielfach der Beschäftigung mit der Literatur, insbesondere mit Märchen und Mythologie ("Besuch bei Undine", "Sturz des Zauberers", "Stunde des Pan", "Ariadnefaden" etc.). Sehr nahe stehen ihr auch die literarischen Vertreter der klassischen Moderne. Von ihr besonders geschätzte Dichter wie Samuel Beckett und Ingeborg Bachmann motivierten sie zu eindrucksvollen Porträts und haben gleichzeitig inhaltlich großen Einfluss auf ihr Schaffen. So haben sie beispielsweise die Gedichte "Nebelland" von Ingeborg Bachmann und "Ein alter Tibetteppich" von Else Lasker-Schüler zu bildnerischer Umsetzung inspiriert ("Flatterhaft", "Teppichtibet")…

…Neben literarischen Anregungen finden auch persönliche Erfahrungen und Reisen ihren Niederschlag in Ulla Wobsts Werk. So wurde zum Beispiel ein Ravenna-Aufenthalt zur Inspiration der Serie "In einer schönen Stadt".
Sowohl inhaltliche Elemente als auch das Kolorit, welches vor allem warme Gold- und Edelsteintöne umfasst, deuten auf einen nachhaltigen Eindruck der dortigen Mosaikkunst hin...

Ulla Wobst hat sich ­ trotz Rückgriff auf stilistische Vorbilder ­ eine ganz eigene und einzigartige Ausdrucksform geschaffen, um ihre künstlerischen, und das heißt in ihrem Fall ganz wesentlich auch ihre aus großer Gefühlstiefe und Vorstellungskraft aufsteigenden Intentionen zu verwirklichen.


Susanne Dauer M.A.
(Kunsthistorikerin)